Erfassung der Brutstandorte des Graureihers in Bayern 2019 – 2020

zwei Graureiher sitzen in ihrem NestZoombild vorhanden

© H.-J. Fünfstück/www.5erls-naturfotos.de

Die unverwechselbaren und imposanten Graureiher (Ardea cinerea) sind in weiten Teilen Bayerns zu beobachten. Insbesondere im Winterhalbjahr sind sie häufig als Durchzügler und Wintergäste anzutreffen. Zur Brutzeit finden sich die Graureiher meist in Kolonien zusammen und legen ihre Nester auf Bäumen an. Dann sieht man sie in Niederungen großer Flüsse oder auch in Gebieten mit ausgedehnter Grünlandnutzung und kleineren Gewässern.
Das Beutespektrum der Graureiher ist sehr vielfältig und reicht von Insekten über Reptilien und Amphibien sowie Kleinsäugern bis hin zu Weißfischen. In der Fischereiwirtschaft kann es dadurch örtlich teilweise zu hohen Schäden kommen. Im Jahr 1983 wurde daher eine Jagdzeit für den Graureiher eingeführt und damit ein Kompromiss zwischen der Fischereiwirtschaft und dem Artenschutz gefunden. Seitdem dürfen Graureiher im Zeitraum vom 16. Sep. bis 31. Okt. im Umkreis von 200m um geschlossene Gewässer bejagt werden.

Um die Nachhaltigkeit des Managements und der Bejagung zu gewährleisten, werden die Brutbestände des Graureihers in Bayern in landesweiten Erfassungen kontrolliert und dokumentiert und so die Bestandsentwicklung überwacht. Nachdem die letzten zwei Erhebungen (2001 und 2008) durch das Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz finanziert wurden, hat das Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten im Jahr 2019 den Landesbund für Vogelschutz in Bayern e. V. (LBV) beauftragt, erneut ein landesweites Graureiher Brutvogel-Monitoring durchzuführen. Im Jahr 2020 wurden einzelne Nachkartierungen vorgenommen und letzte Erfassungslücken geschlossen.

Erfassungsmethoden

fliegenede Drohne zur Brutbestandserfassung des GraureihersZoombild vorhanden

© Heither H.

In einem ersten Schritt wurde die Kartierung anhand von bekannten Graureiher-Brutnachweisen vorbereitet. Datengrundlage waren dabei vor allem die Artenschutzkartierung (ASK) am Bayerischen Landesamt für Umwelt, Umfragen bei relevanten Akteuren aus Naturschutz und Teichwirtschaft und Angaben aus dem Online-Portal ornitho.de für Brutnachweise der Art.
Losung, Eierschale und Feder auf dem Boden liegend unter einer GraureiherkolonieZoombild vorhanden

© Heither H.

Die bekannten, zugänglichen Brutstandorte wurden daraufhin vom Boden aus kontrolliert. Aufgrund der teilweise eingeschränkten Sicht war eine Überprüfung und Zählung vom Boden nicht bei allen Graureiher-Kolonien (Brutstandorte) möglich. Daher wurden einige Standorte aus der Luft mithilfe von Drohnen kartiert. Durch den Einsatz beider Methoden konnten so insgesamt 335 Brutstandorte überprüft werden.

Brutpaare und Brutkolonien in Bayern

In der Kartierung 2019/2020 wurden insgesamt 1990 Brutpaare in 164 Brutkolonien gezählt. Die Ergebnisse zeigen eine flächendeckende Verbreitung des Graureihers in Bayern. In fast allen Landkreisen wurde mindestens ein Brutstandort nachgewiesen, dabei lagen die Brutkolonien überwiegend im Bereich von größeren Fließgewässern erster bzw. zweiter Ordnung.

Bayernkarte mit den Brutstandorten des Graureihers 2019-2020Zoombild vorhanden

© Bayerische Vermessungsverwaltung, Bayerische Forstverwaltung, StMELF

Die meisten Brutpaare wurden im Regierungsbezirk Schwaben (530 Brutpaare in 38 Kolonien) kartiert. Weitere Schwerpunkte lagen in Unterfranken mit 331 Brutpaaren und Oberbayern mit 306 Brutpaaren. In Oberbayern wurden zugleich die meisten Kolonien (43 Kolonien) festgestellt. Die geringste Anzahl an Brutpaaren wurde in Mittelfranken nachgewiesen (155 Brutpaare), dort fanden sich gleichzeitig auch die wenigsten Kolonien (9 Kolonien). Nur an wenigen Standorten konnten Koloniegrößen von mehr als 30 Brutpaaren festgestellt werden, häufig umfassten die Kolonien nur bis zu 10 Brutpaare. Die größte Kolonie befand sich im Maintal in Dippach (Landkreis Haßberge), hier wurden insgesamt 147 Brutpaare gezählt. Weitere große Kolonien befanden sich außerdem in Augsburg (110 Brutpaare) und am Altmühlsee (104 Brutpaare).

Im Vergleich zur Erfassung im Jahr 2008 hat sich die Anzahl der Brutpaare um 138 Brutpaare verringert. Die Anzahl der Kolonien ist nahezu gleichgeblieben. Folglich hat die Anzahl der Brutpaare pro Kolonie leicht abgenommen und liegt nun bei durchschnittlich 12,1 Brutpaare pro Kolonie.

JahrBrutpaare (BP)KolonienBP / Kolonie
20082212816313,1
2019199016412,1

2 Zahlen aus: Rödl, T., Rudolph, B.-U., Geiersberger, I., Weixler, K. und Görgen, A. (2012): Atlas der Brutvögel in Bayern. Verbreitung 2005 bis 2009. Stuttgart: Verlag Eugen Ulmer.

Die Größe des Brutbestand in Bayern ist gegenüber den letzten Erfassungen leicht rückläufig, dennoch liegt sie höher als bei der Erfassung im Jahr 1979.

Diagramm über die Entwicklung der Graureiher-Brutpaare in Bayern von 1979 bis 2019/2020

Entwicklung der Graureiher-Brutpaare in Bayern1979-2019/2020 (blaue Linie) und Beginn der Bejagung des Graureihers in Bayern (orange gestrichelte Linie). Quellen: Rödl et al 2012; Bezzel et al 2005; Kluth & Bezzel, 1996; Utschick, H. 1983

Regionale Bestandsentwicklung

Der Graureiherbestand in Bayern weist regionale Entwicklungstendenzen sowie -unterschiede auf. Der Bestand in Unterfranken verzeichnet seit Beginn der Bestandserfassung 1995 den deutlichsten Rückgang (mittlere Bestandsdichte 1995: 103,6 Brutpaare/1000 km², 2019: 38,8 Brutpaare/1000 km²). Auffällig ist in diesem Zusammenhang der hohe Einfluss der Bestandsentwicklung am Koloniestandort Dippach auf das Gesamtergebnis. Die aktuelle Kartierung dokumentierte dort 147 Brutpaare. Die Erfassung im Jahr 2008 zeigte dahingegen noch 243 Brutpaare. Derzeit ist in Schwaben mit 52,8 Brutpaaren/1000 km² die größte Brutpaardichte zu finden, wobei die schwäbischen Graureiherbestände seit 1995 innerhalb einer engen Schwankungsbreite relativ konstant sind. Andere bayerische Regierungsbezirke zeigen ebenfalls eine sehr differenzierte Bestandsentwicklung. Während die Bestände in Niederbayern seit 1995 stetig zurückgehen, zeigen diese in Oberbayern, der Oberpfalz und Mittelfranken nur geringe Veränderungen. In Oberfranken haben die Bestände seit 2008 leicht zugenommen.

Die Ursachen für die regional sehr unterschiedlichen Entwicklungen lassen sich allein anhand der gewonnenen Daten nicht ableiten, da Wildtierpopulationen von Natur aus einer gewissen Dynamik unterliegen und diese Populationsveränderungen durch einem Faktorenkomplex (wie beispielsweise Lebensraumqualität, Zu- und Abwanderung, natürliche Mortalität, etc.) beeinflusst werden. Während der Kartierung wurde von einigen Kartierern vermutet, dass mancherorts ein Verlust der Horstbäume (meist Fichten) zu einer Aufgabe oder Verlegung von Horsten bzw. Kolonien geführt hat. Teilweise waren die Horstbäume vom Wind umgeworfen, von Trockenschäden betroffen oder im Zuge des Borkenkäferbefalls abgestorben und dann gefällt worden.

Bejagung des Graureihers

In den letzten Jahrzehnten ist die Anzahl an erlegten Graureihern angestiegen. Regional sind dabei allerdings sehr große Unterschiede zu verzeichnen. Die Brutpaarzahlen steigen in einigen Gebieten mit hohen Streckendaten teilweise an (z. B. in der Oberpfalz) oder nehmen in Gebieten ohne maßgebliche Bejagung ab (z. B. Kolonie Dippach in Unterfranken). Der Abgleich von Monitoring- und Jagdstreckendaten lässt den Rückschluss zu, dass die Jagdstrecke zu einem großen Anteil aus Individuen besteht, die keine bayerischen Brutvögel sind, sondern aus anderen Gebieten außerhalb Bayerns stammen (Teilzieher im Winter, abgewanderte Jungvögel etc.). Diese ziehenden Graureiher profitieren dabei vom reichhaltigen Nahrungsangebot in den bayerischen Teichgebieten wie dem Aischgrund und der Oberpfalz.

Um den Bestand sowie die Koloniestruktur und -verteilung der bayerischen Graureiherbrutbestände weiterhin beurteilen zu können, wird durch ein regelmäßig durchgeführtes Monitoring der Graureiher während der Brutzeit die Bestandsentwicklung weiterhin beobachtet.

Durch die Nahrungswahl und Lebensraumnutzung der Vögel, üben diese vor allem im Herbst einen starken Einfluss auf die Fischbestände der Teichwirtschaft aus, was zu hohen finanziellen Verlusten der Teichwirte führen kann. Diesem Schadenspotential soll auch zukünftig mit einer örtlich begrenzten Bejagung entgegengewirkt werden. Durch die kontrollierte gezielte Entnahme und dem Bestandsmonitoring wird gewährleistet, dass der bayerische Brutbestand des Graureihers gesichert bleibt.

Eine detaillierte Auswertung, die den Zusammenhang zwischen der Entwicklung der Brutpaare und der Jagdstrecke darstellt, wird aktuell vorbereitet und demnächst an dieser Stelle veröffentlicht.

Quellen

Kluth, S. & Bezzel, E. (1996) Der Graureiher Ardea cinerea in Bayern: Brutbestandsentwicklung 1995 und Entwicklungstendenz. Garmischer Vogelkdl. Ber. 25

Utschick, H. (1983), Die Brutbestandsentwicklung des Graureihers (Ardea cinerea) in Bayern. Journal für Ornithologie. Volume 124

Bezzel, E., Geiersberger, I., Lossow, G. v. und Pfeifer, R. (2005): Brutvögel in Bayern. Verbreitung 1996 bis 1999. Stuttgart: Verlag Eugen Ulmer.

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