Die Ernährung der Rehe

Reh im Kornfeld

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In einer Pilotstudie der Arbeitsgruppe Wildbiologie und Wildtiermanagement am Lehrstuhl für Tierernährung der Technischen Universität München wurde die Qualität und Energiedichte der Rehnahrung in einem naturnahen Waldhabitat sowie in der Kulturlandschaft miteinander verglichen. Dabei kamen erstaunliche Ergebnisse heraus, die ein paar alte Ansichten über Rehe in Frage stellen.
So sind Rehe keineswegs ausschließlich auf hochenergiereiche Pflanzenteile angewiesen, sondern vielmehr sehr robuste und anpassungsfähige Nutzer einer üppigen Nahrungsbasis in unserer Kulturlandschaft. Dies legt den Schluss nahe, dass sie keinesfalls klassische Konzentratselektierer sind.
Demzufolge zeigt die Studie, dass die Energiebasis in unserer Kulturlandschaft – egal ob Feld oder Wald – unseren Rehen das ganze Jahr über ein üppiges Auskommen bietet.

Ziel der Studie

Ziel der Studie war es, die Qualität und den Energiegehalt der von Rehen aufgenommenen Nahrung zu erfassen. Hierzu wurde von erlegten Rehen der Panseninhalt sowie Alter und Konditionsparameter untersucht. Um ein umfassendes Bild zu erreichen wurde in einem wildbiologischen Systemansatz neben dem Reh auch die Habitatausstattung sowie der Einfluss des Menschen auf die Untersuchungsrehe berücksichtigt.

Projektkulisse

In der Pilotstudie sollte die Ernährung von Rehen in einer naturnahen Landschaft sowie in einer Kulturlandschaft miteinander verglichen werden. Als Kulturlandschaft wurden drei Gemeinschaftsjagdreviere in der Nähe von Eggenfelden gewählt, als naturnahe Landschaft dienten Staatswälder 20 Kilometer südlich von München. Hinsichtlich der klimatischen Bedingungen sowie der Flächengröße sind die beiden Untersuchungsgebiete vergleichbar.

Projektlaufzeit

Das Projekt lief über drei Jahre, Proben wurden jeweils über 12 Monate gesammelt. Dies war notwendig, um Ernährungs- und Energieengpässe aufgedecken zu können. Etwaige Engpässe sind entsprechend der einschlägigen Fachliteratur nicht bei hohen Schneelagen und kalten Temperaturen, sondern zu Beginn des Frühjahres in den Monaten März und April zu erwarten (Arnold 2004, Hofmann und Kirsten 1982). Für die Schonzeit lagen Schonzeitaufhebungen zu wissenschaftlichen Zwecken von den Landratsämtern vor.
Insgesamt wurden in beiden Gebieten 245 Proben gesammelt von denen 220 ausgewertet werden konnten. Die Ergebnisse zur Qualität und Energiedichte gelten nur für die beiden Untersuchungsgebiete. Aus diesem Grund wurde die Pilotstudie auf ganz Bayern ausgedehnt. Das Folgeprojekt läuft bis Ende 2021. Die Ergebnisse über die Anpassungsfähigkeit der Rehe an ihre Habitate und an die vorhandene Vegetation sind auch auf andere Gebiete übertragbar.

Warum leben Rehe im Feld?

Liniendiagramm der Energiedichten der Rehnahrung von Wald und FeldZoombild vorhanden

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Rehe gehören zu den Buschrandbewohnern und sind damit klassische Waldtiere. Weiterhin steht die Kulturlandschaft unter dem Verdacht, dass sie wildfeindlich ist und landwirtschaftliche Produkte gerade von Rehen nicht verdaut werden können. Da stellt sich die Frage, warum Rehe im Winter ohne Deckung und bei kaltem Ostwind auf offenen Feldern stehen anstatt im Wald mit Windschutz und verdaubarer Nahrung.
Wildtiere streben eine Optimierung zwischen Energiezufuhr, Energieverbrauch und Risiko (zum Beispiel durch Fressfeinde) an. Wenn sich Rehe offenen Feldern ohne Sichtschutz mit niedrigen Temperaturen und starkem Wind aussetzen, müssen diese negativen Faktoren durch etwas anderes wieder ausgeglichen werden.
Das ist in diesem Fall die Energiedichte der verfügbaren Äsung:
Im Januar und Februar bewegt sich diese im Feld zwischen 5,9 MJ / kg und 6,3 MJ / kg Trockenmasse. Im Wald steht den Rehen dagegen nur 4,2 MJ / kg bis 4,8 MJ / kg Trockenmasse zur Verfügung. Im Jahresdurchschnitt weisen die landwirtschaftlichen Nutzpflanzen für Rehe etwa 1 MJ / kg Trockenmasse mehr Energie auf als natürliche Waldvegetation.
Wie die Energiewerte zeigen, ging es den Rehen in den Untersuchungsgebieten in beiden Jahren bestens. Ein Energieengpass bestand zu keiner Jahreszeit.

Selektierer oder doch Konzentrat-Selektierer?

zwei Rehe im Herbst vor kahlen Ästen und Sträuchern.Zoombild vorhanden

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In der deutschsprachigen Jagdliteratur wird das Reh als "Konzentrat-Selektierer" bezeichnet. Mit diesem Begriff wird assoziiert, dass Rehe bei ihrer Nahrungswahl auf protein- und kohlehydratreiche Nahrung (Ueckermann 1986) angewiesen sind. Da ältere Untersuchungen in der Regel nur auf wenigen Daten beruhen, in der Schonzeit keine Erkenntnisse vorhanden sind und Rehe in weiten Bereichen intensiv gefüttert werden, wollten wir wissen, wie die Äsung in einem Agrar- und eine naturnahen Forsthabitat, beides ohne Fütterung, beschaffen ist, die von den Rehen aufgenommen wird.

Ziel der Untersuchung

In der Studie wurden Pansen von Rehen aus dem landwirtschaftlich geprägten sowie aus dem naturnahen Waldhabitat hinsichtlich der Zusammensetzung der Rohnährstoffe in der Äsung untersucht. Ziel war, die von den Rehen aufgenommene Nahrung hinsichtlich ihrer Bestandteile von Proteinen, Kohlehydraten und Rohfasern zu erfassen.

Überraschende Ergebnisse

In beiden Habitaten überraschten die Ergebnisse mit einem sehr hohen Faseranteil in der aufgenommen Rehnahrung.
Die Anteile der Rohfasern lagen in Wald zwischen 23 % und 38 % und im landwirtschaftlichen Bereich zwischen 21 % und 28 % (Probenzahl N=220).
Die aufgenommen landwirtschaftlichen Nutzpflanzen hatten somit einen geringeren Faseranteil als die natürlichen Waldpflanzen.
Die Rohfasergehalte in den Pansen der Rehe lagen in beiden Gebieten auf einem Niveau wie es von Rotwild (25 % - 30 % Nerl 1981, Stubbe 1988) einem Intermediären Äsungstypen oder Muffelwild (22 % - 34 % Drescher-Kaden, Seiflnasr 1986) einem Raufutter-Fresser (Hofmann 1972).

Vergleich der Untersuchungsgebiete

Vergleicht man die beiden Gebiete, enthielt die Äsung im ländlichen Bereich vor allem im Herbst und Winter viel mehr Kohlehydrate als im Wald, wogegen die Waldvegetation sich durch den hohen Faseranteil von den Nutzpflanzen abhebt. Der Proteinanteil war, über das Jahr gesehen, etwa gleich hoch.
Die von uns gefundenen Ergebnisse decken sich mit vielen anderen Studien und belegen die hohe Flexibilität und Anpassungsfähigkeit der Rehe an die vorhandene Nahrung.

Liniendiagramm der Rohnährtoffe der Rehnahrung von Wald und Feld

Rehe sind Selektierer, jedoch keine Konzentrat-Selektierer.
Unabhängig von der wissenschaftlichen Richtigkeit sollte dringend auf den Zusatz "Konzentrat" bei den Selektierern verzichtet werden, da dieser Zusatz leicht falsch verstanden wird und Rehe hierdurch mit zu viel Eiweiß und Kohlehydraten gefüttert werden, wodurch sie an Pansenazidiose erkranken können oder im Wald verstärkt verbeißen um die notwendigen Fasern zu bekommen.
Projektleitung, Förderung und Beteiligte
Durchgeführt wurde das Projekt von der Arbeitsgruppe Wildbiologie und Wildtiermanagement unter Leitung von PD Dr. habil. Andreas König am Wissenschaftszentrum Weihenstephan der Technischen Universität München in Kooperation mit den Lehrstühlen für Tierernährung (Prof. Dr. Wilhelm Windisch), für Grünlandlehre (Prof. Dr. Hans Schnyder, Prof. Dr. Karr Auerswald) und der Bioanalytik an der TUM. Ein weiterer Kooperationspartner war die Abteilung Physiologie, Pathologie und experimentelle Endokrinologie (Prof. Dr. Rupert Palme) an der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Das Gesamtvorhaben wurde vom Obersten Jagdbeirat (StMELF) sowie, die Doktorandin, von der Konrad-Adenauer-Stiftung gefördert.
Veröffentlichungen zum Projekt
  • König A., Scheingraber, M. & Mitschke J., 2016: Energiegehalt und Qualität der Nahrung von Rehen (Capreolus capreolus) im Jahresverlauf in zwei unterschiedlich geprägten Habitaten. Forstliche Forschungsberichte, München, 215
  • Scheingraber, M., Klobetz-Rassam, E., Palme, R. & König A., 2016: Wie gestresst sind unsere Rehe? In: König, A., Hohmann, U., Ebert, C. & Mitschke, J. (Hrsg.) Wildbiologische Forschungsberichte Bd. 2, 74 – 85
  • König, A., Scheingraber, M., 2016: Energiegehalt von Rehen im Jahresverlauf. In: König, A., Hohmann, U., Ebert, C. & Mitschke, J. (Hrsg.) Wildbiologische Forschungsberichte Bd. 2, 197 – 207