Wie passen sich unsere Wildtiere an den Winter an?

Rotfuchs_Pixabay

Rotfuchs im Winterpelz © Pixabay

Unsere heimischen Wildtiere haben verschiedene Strategien entwickelt, um die kalte Jahreszeit und eventuelle Nahrungsengpässe im Winter zu überstehen. Zu den bekanntesten Überwinterungsstrategien zählen der Winterschlaf (Murmeltier) und die Winterruhe (Dachs, Waschbär). Dabei reduzieren die Tiere ihren Stoffwechsel und verfallen in einen Ruhezustand. Andere Wildtiere entgehen dem knappen Nahrungsangebot unserer Breitengrade und ziehen in andere Gebiete (Waldschnepfe, Turteltaube).
Und was machen Reh- Rot- Gams- und Steinwild im Winter?
Unsere Schalenwildarten haben im Laufe der Evolution verschiedene Strategien entwickelt, um im Winter mit wenig Nahrung und kalten Temperaturen auszukommen. Ihre Taktik: Energie sparen.

Der Energiesparmodus besteht aus folgenden Elementen:

Fettreserven anlegen

Rehsprung im Winter  © Pixabay
Die jahreszeitlichen Anpassungen der Wildtiere sind vorwiegend durch die Tageslänge bestimmt. Wissenschaftliche Studien belegen, dass Reh-, Rot-, Gams- und Steinwild vor Beginn der kalten Jahreszeit Feistreserven (Fett) anlegen. Beim Rehwild dauert die Feistzeit von September bis November. Tiere, die sich im Jahresverlauf ausreichend Fett angefressen haben, können bei Extremwetterlagen im Winter einige Tage ohne Futter auskommen.

Winterfell anlegen

Gamswild in Winterdecke

Gamswild in Winterdecke
© Pixabay

Ein weiterer Schutz vor der Kälte ist die dicke Winterdecke (Fell), die beim Rehwild grau ist. Der Fellwechsel heißt verfärben und beginnt im September. Die Winterdecke zeichnet sich aus durch lange Deckhaare und die Ausbildung von sogenannten Wollhaaren. Die Wollhaare schieben sich zwischen die Deckhaare, verdichten die Decke und verbessern ihre Isolationswirkung.

Bewegungsaktivität minimieren

SteinbockWintereinstandPixabay

Steinbock im Wintereinstand
© Pixabay

Alle Schalenwildarten verringern im Winter ihre Bewegungen, wobei der Steinbock sich am wenigsten bewegt: er schläft bis Mittags und reduziert seine Bewegungsaktivität auf die Hälfte im Vergleich zum Sommer.
Je höher der Schnee liegt und je kälter die Temperaturen werden, umso weniger Zeit verbringen Wildtiere mit der Futtersuche. Der Verzicht auf eine wenig erfolgversprechende Nahrungssuche schont die Energiereserven.

Körpertemperatur und Puls absenken

Unterschieden wird zwischen der Temperatur des Körperkerns (innere Organe) und der Körperschale (Gliedmaßen, Haut). Als gleichwarme Tiere müssen unsere Schalenwildarten im Winter häufig Energie in Form von Nahrung aufnehmen, um ihre innere Körpertemperatur zu halten. Ein Vorteil von Wiederkäuern im Winter besteht in der zusätzlichen Wärmeproduktion der Pansenmikroorganismen. Durch den mikrobiellen Abbau der Nährstoffe im Pansen entsteht Wärme, die zur Aufrechterhaltung der Temperatur im Körperkern beiträgt.
Die Temperatur der Körperschale ist abhängig von der Umgebungstemperatur und der Durchblutung, da das Blut aus dem Körperkern den Gliedmaßen Wärme zuführt. Beim Rehwild verringert sich im Winter der Blutfluss in den äußeren Extremitäten, um das Körperinnere besser zu isolieren. Durch die Absenkung der Temperatur in den Gliedmaßen kommt es (vor allem nach langen Ruhephasen) zu Einschränkungen in der Bewegungsfähigkeit. Große Wanderbewegungen im Winter kosten viel Energie und werden im Normalfall auf ein Minimum reduziert.

Stoffwechsel reduzieren

Die Stoffwechselaktivität vermindert sich auf etwa die Hälfte im Vergleich zum Sommer. Diese Reduzierung erfolgt durch die geringere Bewegungsaktivität, die herabgesetzte Körpertemperatur und die Verkleinerung der Verdauungsorgane. Das Verdauungssystem von Wiederkäuern, zu denen auch unser Rehwild gehört, besteht aus vier Mägen: Pansen, Netzmagen, Blättermagen und Labmagen. Bedeutsam für den Stoffwechsel sind vor allem die Abläufe im Pansen.

Anpassung der Verdauungstätigkeit an veränderte Nahrungsqualität

Das Wild ist bestens an die natürliche, energiearme Nahrung im Winter angepasst und verspürt im Winter weniger Hunger als im Sommer. Die tägliche Äsungsmenge des Schalenwilds ist auf ungefähr die Hälfte des Sommerniveaus reduziert. Im Winter verringert sich das Pansenvolumen und die Verdauungszeit ist länger. Dies ist eine Reaktion auf die veränderte Zusammensetzung der Winternahrung. Die natürliche Äsung im Winter ist eiweißarm und faserreich, kann aber durch die Veränderungen im Verdauungssystem hervorragend verwertet werden. Rehe besitzen einen an die lokale Vegetation angepassten Pansensaft, der ihnen hilft, im Winter Energie aus der faserhaltigen Nahrung aufzunehmen. Nahrungsanalysen von Rehen in Bayern zeigen, dass die Tiere zu keinem Zeitpunkt im Jahr ein Energiedefizit aus der Nahrung oder aus ungenügenden körpereigenen Energiereserven erleiden (König et al. 2016).

Störungsarme Wintereinstände nutzen

WintereinstandNordalpen_HannahHeither

Südlich exponierter Wintereinstand in den Nordalpen. Auf den ausapernden Flächen findet Gamswild ausreichend Äsung.
© Hannah Heither

Die Schneedecke stellt im Winter den wichtigsten Faktor für die Raumnutzung dar. Nach starkem Schneefall verändert das Schalenwild sein Raumnutzungsverhalten, indem es seine Aktivität drastisch verringert oder in niedrigere Lagen zieht. Die Wintereinstände von Gams- und Steinwild sind meist südlich exponiert und steil. Südhänge sind durch die Sonneneinstrahlung wärmer, wodurch sich die Körpertemperatur der Tiere erhöht. Durch die Sonne lösen sich Lawinen und der Schnee schmilzt schneller (ausapern), außerdem ist die Schneedecke dünner oder gar nicht vorhanden, wodurch die Äsung leicht zugänglich wird.
Im Winter sind Gams- und Steinwild meist standorttreu, denn durch Erfahrung haben sie gelernt, wo die Nahrung verfügbar und mit wenig Energieaufwand erreichbar ist. Daher werden die Wintereinstände großflächig und in Abhängigkeit von der Nahrungsverfügbarkeit genutzt. Bei Schnee scharrt Gamswild die Äsung frei und sobald auf einzelnen Flächen der Schnee weggeschmolzen ist, steht das Wild in diesen Einständen.
Durch Beunruhigungen erhöhen sich die Stoffwechselaktivitäten und der Nahrungsbedarf unserer Wildtiere. Konsequenzen sind eine zu geringe Energieaufnahme und längerfristige Folgen für Gesundheitszustand und Fortpflanzungserfolg. Aus diesem Grund sind Störungen in den Wintereinständen unbedingt zu vermeiden.
Rotwild im Winter

Rotwild im Winter
© Robert Reiter

Wie können wir Wildtieren im Winter helfen?
Für unsere Wildtiere ist es entscheidend, den Winter in ungestörten Einstandsgebieten verbringen zu können. Halten Sie daher Abstand zu den Einständen. Respektieren Sie bei Ihren Aktivitäten im Winter das Ruhebedürfnis des Wildes. Wanderer, Hunde, Schnee-schuhgänger und Skifahrer sollten auf den ausgewiesenen Wegen bleiben und Pisten nicht verlassen. Gönnen Sie dem Wild die Winterruhe und ermöglichen Sie ihm durch Ihr Verhalten eine artgerechte Überwinterung.
Rot-, Gams- und Rehwild sind die für den Bayerischen Alpenraum charakteristischen Schalenwildarten. Sie stehen in komplexen Wechselbeziehungen mit ihrem Lebensraum und spielen daher beim Erhalt der Multifunktionalität des Ökosystems Bergwald eine entscheidende Rolle. Außerdem besitzen sie spezielle Anpassungen an den Winter im Hochgebirge. Dazu hat die Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF) ein umfassendes Forschungskonzept ausgearbeitet.

Weiterführende Literatur:

  • Arnold, W. (2013) Jahreszeitliche Anpassungen bei Wildwiederkäuern – wo steht das Rehwild? Schriftenreihe des Landesjagdverbandes Bayern e.V. Band 20.
  • Arnold, W. (2015) Überleben im Hochgebirge – Winteranpassungen des Gamswildes. Die Zukunft des Gamswildes in den Alpen. Schriftenreihe des Landesjagdverbandes Bayern e.V.
  • Bögel, R., Lotz A., Härer, G. (2001) Lebensraumansprüche der Gemse in Wechselwirkung zu Waldentwicklung und Tourismus. Angewandte Landschaftsökologie. Heft 35. Bundesamt für Naturschutz (BfN) Bonn
  • Boldt, A. (2003) Habitat use and activity of female Alpine Chamois Rupicapra rupicapra in winter affected by air traffic, snow and weather. Dissertation. Universität Bern
  • Campell, S. & Filli, F. (2006) Habitatwahl und Habitatnutzung weiblicher Gämsen. Nationalparkforschung in der Schweiz 93
  • Coppes, J., Burghardt, F., Hagen, R., Suchant R., Braunisch V. (2017): Human recreation affects spatio-temporal habitat use patterns in red deer (Cervus elaphus). PLoS ONE 12(5): e0175134. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0175134
  • Deutz, A., Gasteiner, J., Buchgraber, K., (2009) Fütterung von Reh- und Rotwild. Ein Praxisratgeber. Leopold Stocker Verlag, Graz
  • Ingold, P., Pfister, U., Bächler, E., Enggist- Düblin, P. (1998) Pattern and rhythm of activity in Alpine chamois Rupicapra rupicapra during winter. Z. Säugetierkunde 63: 183-185
  • Klansek, E. (2004): Nahrungszusammensetzung von Rot-, Reh- und Gamswild im Berggebiet. – Tagung für die Jägerschaft, 16-17 Februar 2004
  • Knaus, W. (1960) Das Gamswild. Parey; 1. Auflage, (1960)
  • König, A., Scheingraber M., Mitschke, J. (2016) Energiegehalt und Qualität der Nahrung von Rehen (Capreolus capreolus) im Jahresverlauf in unterschiedlich geprägten Habitaten. Abschlussbericht. Zentrum Wald Forst Holz Weihenstephan, Freising. ISBN 3-933506-46-8
  • Lotz A. (1997) Habitatnutzung der Gams im Biosphärenreservat Berchtesgaden. Diplomarbeit. Universität des Saarlandes.
  • Miller, C. & Corlatti, L. (2014) Das Gamsbuch. 2. überarbeitete Auflage. Neumann- Neudamm AG, Melsungen
  • Schröder, W., Janko, C., Wotschikowsky , U., König, A. (2012) Schalenwild und Bergwald. Ein Managementplan für den Bereich der Hochwildhegegemeinschaft Sonthofen. Technische Universität München
  • Zeiler, H. (2012) Gams. Österreichischer Jagd- und Fischereiverlag. Wien